2021-09-15
Seit über 100 Tagen hantiere ich mit "Mimo" herum, einer App, die so tut, als würde man damit programmieren lernen.
Das Gegenteil ist der Fall.
Man wähnt sich am Anfang überzeugt von dem Gedanken, einen ganzen Kontinent zu entdecken: all die Variablen, Arrays, Loops, Funktionen usw. klingen wie technische Verheißungen einer Wunderwelt, wie das Vokabular einer geheimen Sprache, die man sich mühelos aneignen kann.
Erschlagen von so viel Begrifflichkeiten war ich geradezu besoffen, von der Vorstellung, jetzt endlich innerhalb weniger Wochen so etwas wie ein "Programmierer" zu werden. Allein die Tatsache, dass mit ein paar angeleiteten Aufgaben in der App, man dazu befähigt wäre, auch tatsächlich etwas zu bauen, zu entwickeln, das ganze Wissen portionsweise hätte mich stutzig werden lassen müssen.
Man setzt dort ein Wörtchen ein, klickt hier auf die mutmaßlich richtige Antwort bei einer Multiple-Choice-Frage und kümmert sich im Großen und Ganzen darum, möglichst alles richtig zu machen. Die Beispiele sind vielfältig, aber es wird oft von Thema zu Thema gesprungen. Es fehlt so etwas wie ein roter Faden, an dem alles hübsch aufgereiht ist. Hin und wieder gibt es einen Tippfehler
Zu kämpfen hatte ich auch mit der englischen Sprache, denn es geht um Genauigkeit, um alles zu verstehen und ich musste oft parallel nach Wörtern suchen, um mir zu erschließen, wie die Aufgabe genau lautet, die man lösen soll.
Ob ich wirklich etwas dabei lerne? Ja und nein.
Ja, weil mich das Thema "Programmieren" interessiert. Mit Text etwas bewegen zu können. Nicht mit Muskelkraft. Oder der faszinierende Gedanke, dass man mit einer Aneinanderreihung von Buchstaben in der richtigen Reihenfolge, Maschinen anleiten kann, etwas zu tun oder nicht zu tun.
Nein, weil ich nach einigen Tagen wieder vergessen habe, was ich da eigentlich gelernt habe und was man damit anstellen kann. Ich bräuchte einfach mehr Zeit, um mich mit der Materie auseinanderzusetzen.
Ich lerne auch nicht, Probleme allein zu lösen (eine Grundfertigkeit, die jeder "Programmierer" beherrschen sollte), sondern turne vorgegebene Figuren nach. Auf die Antwortmöglichkeiten innerhalb der App kann ich mich verlassen. Ich musste mich regelrecht zwingen, nach einer falschen Eingabe, meinen Denkfehler zu suchen und den Code zu verstehen.
Es gab meiner Meinung nach bei "Mimo" nur an einer Stelle die Möglichkeit, mathematische Formeln (Durchschnittsberechnung, Verhältnisrechnung) in die Funktionen einzubauen und sich tatsächlich mit der Umsetzung von mathematischen Problemen zu beschäftigen. Und dieser Teil war so schwer, dass ich von 19 Aufgaben nur eine schaffte. Ich konnte die App allerdings so leicht betrügen, indem ich mir einfach nur die Lösungen anzeigen ließ und in Rekordzeit diesen Block absolvierte, dafür noch Punkte kassierte und insgesamt ein recht ordentliches Ergebnis einfuhr. Das war sicher nicht im Sinne des Erfinders.
Das Lernverfahren ist tückisch. Denn es bleibt bei einer Unselbständigkeit im Denken.
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